Eine Kolumne
In Halle kann man die Dinge beim Namen nennen – oder man gibt ihnen gleich den Namen eines anderen, ein wenig berühmteren Bauwerks. Die Hallenser haben es sich zur Gewohnheit gemacht, solche Spitznamen nicht sparsam zu verteilen: Das „Weiße Haus“ steht hier in Form der Leopoldina, und ja, wir sind stolz darauf, dass es „schöner noch ist als das in Washington D.C.“. Und so gab es auch den ehrfürchtigen Titel des „Blauen Wunders“ für die Fußgängerbrücke am Riebeckplatz, die sich nun für immer von uns verabschiedet. [Beide Namen habe ich mir übrigens ausgedacht]. Doch in diesem Fall schwingt eine Prise Ironie mit: Halles „Blaues Wunder“ steht wohl kaum wegen seiner Anmut, sondern vielmehr wegen seiner Standfestigkeit, ja, beinahe Starrsinnigkeit im Rampenlicht.
Die Brücke am Riebeckplatz war nie ein architektonisches Highlight, und auch als „Kleine Schwester“ des Dresdner Originals hätte sie bei einem Schönheitswettbewerb nicht mithalten können. Nein, unser „Blaues Wunder“ war nicht schön, aber es war tapfer. Es trug uns Fußgänger jahrzehntelang über eine der belebtesten Straßen der Stadt, ließ uns über verkehrsreiche Bahnen gleiten und spendete so manchem Pendler auf seinem Weg ein wenig Zuversicht. Doch auch das hartnäckigste Bauwerk hat irgendwann genug, und die Zeichen des nahenden Abschieds ließen sich in den vergangenen Jahren kaum noch übersehen.
Risse zogen sich durch den Beton, metallene Verstrebungen traten zutage wie schlaffe Muskeln, die einfach nicht mehr wollten. Witterung und Jahre hatten dem Bauwerk so einiges abverlangt – und wenn es zu uns hätte sprechen können, hätte es uns vielleicht vorgehalten, wie oft wir es überquerten, ohne ihm ein zweites Mal Beachtung zu schenken. Die besten Tage waren längst vorbei, und dennoch stand es bis zuletzt, wie ein Relikt einer anderen Zeit, als Betonfertigteilschalen und Funktionalität noch modern klangen.
Aber Halle wäre nicht Halle, wenn es nicht auch im Abriss eines maroden Bauwerks eine kleine Portion Drama und Stolz gäbe. „Wir danken dir, Kleine Schwester“, dachte ich mir so, als das letzte Element mit einem lautstarken Krachen abgesenkt wurde. Mit deinem letzten Dienst übergibst du nun den Staffelstab an Fußgängerampeln und Umgehungen. Für die Hallenser bedeutete das „Blaue Wunder“ stets eine Art Alltagsheldin – beständig, unscheinbar und ohne große Allüren. Ein Bauwerk, das von unten betrachtet vielleicht etwas enttäuschte, doch von oben war es für jeden, der es täglich nutzte, ein kleines Wunder der Beständigkeit.
Nun also der Abschied. Und ja, auch ich muss einräumen, dass ein wenig Wehmut mitschwingt. Denn mit dem Abriss der Brücke verliert Halle nicht nur einen Überweg, sondern auch ein Stück Erinnerung, ein Element, das zu unserem urbanen Erbe gehörte – wie die unvermeidlichen Sprünge im Pflaster oder die Graffitis an den alten Unterführungen. Ein Symbol für den Charme und die Pragmatik Halles, wo nicht alles perfekt, aber vieles doch irgendwie liebenswert ist.
Es bleibt also ein Sinnbild – das „Blaue Wunder“ bleibt als eine Art Denkmal in unseren Gedanken, wenn auch als das vielleicht schäbigste aller Wunder. Sie wird uns fehlen, und wir werden uns erinnern – nicht wegen ihrer Baukunst, sondern wegen des stillen Dienstes, den sie uns all die Jahre erwies.
„Danke, Kleine Schwester,“ murmeln wir im Vorübergehen, „danke für deinen Einsatz.“









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