Wenn in der Handball-Bundesliga der Frauen das Wort „Derby“ fällt, verblasst die nackte Tabellensituation hinter einer Wand aus Emotionen, Prestige und purer Leidenschaft. Am gestrigen Tag erlebten 907 Zuschauer in der SWH.arena ein solches Spektakel, das an Dramaturgie kaum zu überbieten war. In einer Kopie des Januarkrimis bezwangen die Handballerinnen des SV Union Halle-Neustadt den BSV Sachsen Zwickau mit 33:32 (14:17) – durch einen Siebenmeter in der absolut letzten Sekunde.
Die Ausgangslage war so klar wie prekär: Ein Duell der Tabellennachbarn, bei dem es für die „Wildcats“ darum ging, den Anschluss an das obere Mittelfeld zu erreichen. Doch die Vorzeichen standen erneut unter dem Stern personeller Not. Die tiefen Lücken, die das verletzungsbedingte Fehlen wichtiger Leistungsträgerinnen in den Kader gerissen hat, waren von Beginn an spürbar.
Zwickau nutzte diese kurzzeitige Instabilität in der Hallenser Statik konsequent aus. Die Gäste agierten griffig, bestraften Unkonzentrierten im Aufbau und gingen mit einer verdienten 17:14-Führung in die Kabine. Es schien, als würde die Routine der Sächsinnen den unbändigen, aber teils glücklosen Einsatz der Gastgeberinnen im Keim ersticken.
Die zweite Halbzeit entwickelte sich zu einem physischen Abnutzungskampf. Das Schiedsrichtergespann hatte alle Hände voll zu tun, um die erhitzten Gemüter in geordnete Bahnen zu lenken. Gelbe Karten, Zeitstrafen und sogar rote Karten zeugten von der Intensität eines Spiels, in dem kein Zentimeter preisgegeben wurde.
Angetrieben von 907 lautstarken Fans, die die SWH.arena in einen Hexenkessel verwandelten, bissen sich die Wildcats zurück in die Partie. Es war kein spielerischer Glanz, der den Umschwung brachte, sondern die schiere Energie und der Wille, die lokale Vorherrschaft nicht kampflos preiszugeben. Doch Zwickau hielt dagegen, führte bis tief in die Schlussphase hinein und sah bereits wie der sichere Sieger aus.
Was sich dann in den Schlusssekunden abspielte, war eine Überraschung. Bereits am 25. Januar hatte Lea Gruber die Fans mit einem Treffer zwei Sekunden vor Ultimo in Ekstase versetzt. Gestern Abend schrieb Fabienne Büch das nächste Kapitel dieser unglaublichen Last-Minute-Chronik.
Als die Sirene bereits fast zu hören war, erhielten die Wildcats einen letzten Siebenmeter zugesprochen. Die Last der Verantwortung lag allein auf den Schultern von Büch. Mit Nerven aus Stahl und einer Präzision, die in solch einer Drucksituation fast übermenschlich wirkt, verwandelte sie den Strafwurf zum 33:32-Endstand. Während die Zwickauerinnen konsterniert zu Boden sanken, brachen in Halle alle Dämme.
Analytisch betrachtet bleibt festzuhalten: Die spielerischen Herausforderungen sind durch diesen Sieg nicht verschwunden. Die Lücken im Kader zwingen die Wildcats weiterhin zu einem enormen Kraftaufwand, der über 60 Minuten an die Substanz geht. Doch dieser Sieg war ein Triumph des Charakters.
Die zwei Punkte bleiben in der Saalestadt, und viel wichtiger: Das Team hat bewiesen, dass es auch unter extremem Druck und bei Rückstand die Ruhe bewahrt. Mit dieser Energie im Rücken kann der Blick in der Tabelle nun vorsichtig nach oben gerichtet werden. Das Derby-Gesetz hat wieder einmal zugeschlagen – und Halle hat es mit Leidenschaft unterschrieben.
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Alle Fotos: Facebook Manfred Boide







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