Es gibt Funde, die verändern nicht nur unser Geschichtsbild, sondern rühren an die tiefsten Schichten unseres Menschseins. Rund 9.000 Jahre ruhte sie im Boden des heutigen Kurparks von Bad Dürrenberg, verborgen in einer Schicht aus rotem Rötel, umgeben von rätselhaften Beigaben. Heute präsentierte Landesarchäologe Prof. Harald Meller im Landesmuseum für Vorgeschichte die wohl spektakulärste Sonderausstellung der letzten Jahrzehnte: Eine Schau, die das mesolithische Grab der „Schamanin“ in das Zentrum einer europäischen Erzählung über Spiritualität, Macht und Weiblichkeit rückt.
Was 1934 bei Kanalarbeiten entdeckt und 2019 in einer aufwendigen Blockbergung für moderne Labore gerettet wurde, gilt heute als archäologische Sensation von Weltrang. In der Publikumsgunst und wissenschaftlichen Bedeutung steht die Frau aus der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) mittlerweile fast auf Augenhöhe mit der weltberühmten Himmelsscheibe von Nebra.
„Die Schamanin fasziniert die Menschen als starke Frau, als spirituelle Anführerin ihrer Gruppe“, erklärte Prof. Harald Meller während des heutigen Pressetermins. Die neuesten interdisziplinären Forschungen zeichnen das Bild einer außergewöhnlichen Persönlichkeit: Eine Frau, die trotz einer anatomischen Besonderheit am Hinterhauptloch – die vermutlich zu Trancezuständen oder visionären Erlebnissen führte – eine zentrale Rolle in ihrer Gemeinschaft einnahm.
Die Ausstellung ist weit mehr als eine Präsentation von Knochen und Steinen. Sie ist der archäologische Nachweis eines Phänomens, das die Menschheit seit Anbeginn begleitet: der Schamanismus.
Das Herzstück der Inszenierung bildet eine aufwendig gestaltete künstlerische Zentralinstallation im Atrium des Museums. Sie zieht die Besucher förmlich in die Welt der Geister und Ahnen. Hier stehen die rituellen Werkzeuge im Fokus, die den Schamanen ihre „Seelenreisen“ ermöglichten: Geweihe, Zahnanhänger und exotische Beigaben, die weit über das alltägliche Überlebensnotwendige hinausgingen.
Um den Fund aus dem Saalekreis in seinen globalen Kontext einzuordnen, hat das Landesmuseum hochrangige Exponate aus ganz Europa und darüber hinaus zusammengetragen. Leihgaben aus Israel, Schweden, Dänemark, Finnland und Spanien ergänzen die Schau zu einer atmosphärischen Inszenierung, wie man sie in dieser Vollständigkeit zum Thema Urgeschichte noch nicht gesehen hat.
Es ist die wohl umfangreichste Präsentation zum mesolithischen Schamanismus in Mitteleuropa. Die Besucher begegnen einer Epoche, die oft im Schatten der prunkvollen Bronzezeit stand, hier jedoch als Zeit tiefer geistiger Durchdringung und engster Naturverbundenheit rehabilitiert wird.
Mit dieser Sonderausstellung festigt Halle seinen Ruf als eines der bedeutendsten archäologischen Zentren Europas. Die Schamanin von Bad Dürrenberg ist nicht mehr nur ein lokaler Grabfund, sondern eine Botschafterin aus einer Zeit, in der die Grenze zwischen Menschen, Tier und Geistwelt noch fließend war. Wer vor den Vitrinen steht, blickt nicht in eine fremde Vergangenheit, sondern erkennt die Wurzeln unserer eigenen Suche nach Sinn und Führung.
Die Tore zur „großen Schau“ stehen nun offen – eine Einladung, der Schamanin auf ihrer Reise durch die Jahrtausende zu folgen.
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Begleitband im Hirmer Verlag:
Harald Meller/Michael Schefzik/Anja Stadelbacher (Hrsg.), Die Schamanin. 216 Seiten, 180 Abbildungen, 25,5 x 30 cm, Klappenbroschur. ISBN: 978-3-7774-4674-5 / https://www.hirmerverlag.de/de/titel-89-89/die_schamanin-2797/
Öffnungszeiten, Eintrittspreise und sonstige Informationen können auf der Webseite des Landesmuseums in Erfahrung gebracht werden.
Die Sonderausstellung ist vom 27. März bis 1. November 2026 zu sehen!
www.landesmuseum-vorgschichte.de
www.lda-lsa.de
www.badduerrenberg.de
www.hallelife.de/nachrichten/die-schamanin-von-bad-duerrenberg-die-sonderausstellung/
Alle Fotos unter: Facebook Manfred Boide






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