Es sind oft die unsichtbaren Entscheidungen in den Sitzungssälen des Rathauses, die das Leben einer Stadt über Jahrzehnte prägen. Doch selten folgt die Tat dem Wort in einer solchen Geschwindigkeit wie in dieser Woche: Nur vierundzwanzig Stunden nach dem historischen Beschluss des Stadtrates zur Kommunalen Wärmeplanung (KWP) setzte die Saalestadt heute ein unübersehbares Signal. Am Klärwerk Halle-Nord fiel der Startschuss für ein Projekt, das bundesweit Pionierarbeit leistet.
Der gestrige Stadtratsbeschluss gilt als zentraler Meilenstein für die Stadtverwaltung, die Stadtwerke Halle und den Energieversorger EVH. Er ist das Fundament, auf dem die Wärmeversorgung der Händelstadt bis in das nächste Jahrzehnt neu gedacht wird. Doch statt langer Planungsphasen herrscht in Halle nun der Geist des Aufbruchs. Olaf Schneider, Geschäftsführer der EVH, unterstrich auf der heutigen Pressekonferenz den unmittelbaren Umsetzungsanspruch: „Unser Ziel ist klar: Die Energieversorgung in Halle soll künftig unabhängiger und versorgungssicher werden – und dabei bezahlbar bleiben.“
Das Herzstück der heutigen Bekanntgabe ist die neue Großwärmepumpe an der Kläranlage in Lettin. Es ist ein Projekt der Superlative und eine technische Premiere: Erstmals in Deutschland wird eine Abwasser-Großwärmepumpe [2 Module – jedes 17 x 6 Meter groß] auf Basis des natürlichen Kältemittels Isobutan errichtet.
Das Prinzip ist ebenso genial wie effizient: Gereinigtes Abwasser besitzt im Vergleich zum Flusswasser der Saale eine deutlich höhere Grundtemperatur. Die Anlage entzieht diesem Wasserstrom die Energie, kühlt ihn ab und hebt die gewonnene Wärme mithilfe von Strom auf das Niveau an, das für das städtische Fernwärmenetz benötigt wird. Jochen Gebel von Energieanlagen Greifswald (EAG) betonte die ökologische Relevanz: „Wir nutzen die im Abwasser enthaltene Energie effizient und klimafreundlich.“
Die Zahlen sprechen für sich: Die Maßnahme spart jährlich potenziell 16.000 Tonnen CO2 ein und kann bis zu 20 Prozent des Dekarbonisierungsanteils der halleschen Fernwärme abdecken.
Während bundesweit hitzig über Anschluss- und Benutzungszwänge debattiert wird, setzt Halle auf ein Modell der Freiwilligkeit. Oberbürgermeister Dr. Alexander Vogt, der sich bereits im Vorfeld der Konferenz positionierte, betonte das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit: „Wir wollen und werden mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugen.“ Halle gehört seit Jahren zu den günstigsten Fernwärmeversorgern Deutschlands – ein Pfund, mit dem die Stadt nun wuchern will.
Zudem bietet der Ausbau der Trassen eine charmante Nebenwirkung: Wo Straßen für neue Fernwärmeleitungen geöffnet werden, soll auch die Verkehrsinfrastruktur modernisiert und, wo möglich, mehr Stadtgrün integriert werden.
Trotz des lokalen Tatendrangs bleibt der Blick nach Berlin getrübt. Da die Bundesregierung eine finale Entscheidung zum Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) wohl erst im Herbst 2026 entscheiden wird, herrscht bei vielen Eigentümern Unsicherheit. Hier will die EVH als Lotse fungieren.
Um den Bürgern Planungssicherheit zu geben, setzt das Unternehmen auf Transparenz und Digitalisierung:
- Der digitale Wärmeatlas: Bürger können ab sofort online einsehen, welcher Status für ihre Adresse gilt – ob Fernwärme bereits anliegt, ein Ausbau geplant ist oder dezentrale Lösungen sinnvoller erscheinen.
- Planungstools: Individuelle Unterstützung bei der Wahl der Heiztechnologie und die Begleitung bei Förderanträgen sollen den Übergang erleichtern.
Mit der Großwärmepumpe in Halle-Nord hat die Wärmewende in der Saalestadt ein Gesicht bekommen. Es ist der Startschuss für eine systematische Transformation, in deren Zuge die EVH kurzfristig rund 100 neue Fernwärmeanschlüsse pro Jahr realisieren will. Während die Bundespolitik noch um Rahmenbedingungen ringt, schafft Halle bereits Tatsachen – innovativ, nachhaltig und mit dem klaren Versprechen, die Bürger auf diesem Weg nicht zu verlieren.
In Halle-Nord wird künftig aus dem, was wir wegwerfen, das gemacht, was wir auch zum Leben brauchen: Bezahlbare Wärme. Ein passenderes Symbol für einen zukunftssicheren Standort ließe sich kaum finden.
www.stadtwerke-halle.de
https://halle.de/






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