Am 12. Mai 1933 brannten auf dem Universitätsplatz die Scheiterhaufen. 93 Jahre später versammelten sich Bürger, Wissenschaftler und Politiker an genau jenem Ort, um der Vernichtung des freien Geistes zu gedenken – und die Brücke zur Gegenwart zu schlagen.
Während in den meisten deutschen Städten die Bücher bereits am 10. Mai in Flammen aufgingen, erzwang heftiger Regen in Halle einen zweitägigen Aufschub. Doch diese „Galgenfrist“ linderte die Radikalität der Akteure nicht – im Gegenteil. Die von Nationalsozialisten dominierte Deutsche Studentenschaft (DSt) agierte in der Saalestadt mit erschreckendem Übereifer.
Die historische Aufarbeitung verdeutlicht: Was vor dem heutigen Löwengebäude geschah, war kein Exzess eines unkontrollierten Mobs, sondern eine durchorganisierte akademische Säuberung. Mit dem „Halleschen Generalindex“ schufen die Studenten eine lokale Liste verfemter Literatur, die weit über die zentralen Vorgaben aus Berlin hinausging. Fast 140 Autoren wurden geächtet. Neben Größen wie Brecht, Tucholsky und Kästner traf es auch Heinrich Heine und Albert Einstein – Namen, die zu diesem Zeitpunkt teils noch nicht einmal auf den offiziellen schwarzen Listen des Reiches standen. Die geistige Elite der Stadt wurde so zum Wegbereiter der Barbarei.
Inmitten des heutigen Universitätsplatzes erinnert eine schlichte, im Pflaster eingelassene Bronzetafel an das Geschehen. Sie trägt jenes Zitat Heinrich Heines, das 1823 wie eine dunkle Ahnung niedergeschrieben wurde und 110 Jahre später zur blutigen Realität wurde: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“
Die heutige Gedenkstunde stand ganz im Zeichen der Erinnerung. Dr. Judith Marquardt, Beigeordnete für Kultur und Sport, sowie Uni-Rektorin Prof. Claudia Becker warnten in ihren Reden davor, die Freiheit von Lehre und Wort als selbstverständlich hinzunehmen. Angesichts eines erstarkenden Populismus sei das Erinnern an die „Henker der Aufklärung“ heute wichtiger denn je.
Eine Vertreterin der Landesvereinigung der Verfolgten des Naziregimes mahnte zudem die Verantwortung der Zivilgesellschaft an. Den emotionalen Abschluss bildeten Schauspieler des Neuen Theaters: Mit einer szenischen Lesung von Texten verfemter Autoren – darunter Ricarda Huch und Ray Bradbury – gaben sie jenen Stimmen ihre Bühne zurück, die 1933 zum Schweigen gebracht werden sollten.
Besonders die Zeilen von Erich Kästner, der damals in Berlin unter den Zuschauern stand und sah, wie sein eigenes Werk in Flammen aufging, ließen die Anwesenden schweigend verharren.
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