Ein Hauch von Absinth und Rosenwasser liegt in der Luft, vermischt mit dem leisen Rascheln von schwerem Brokat und dem fernen Takt von Barockmusik. Es ist Pfingstfreitag in Leipzig, und das bedeutet: Die Messestadt kapituliert charmant vor einer melancholisch-schönen Invasion. Zum 33. Wave-Gotik-Treffen (WGT) kommen sicher wieder an diesem Wochenende weit mehr als 20.000 internationale Gäste aus der Schwarzen Szene zusammen. Den traditionellen und wohl ästhetischsten Höhepunkt des Auftakts bildete auch in diesem Jahr das legendäre Viktorianische Picknick im Clara-Zetkin-Park.

Wer den Park am Freitagnachmittag betrat, fand sich in einer anderen Epoche wieder – oder vielmehr in einer kunstvollen Verzerrung der Zeit. Das weitläufige Areal war innerhalb kürzester Zeit restlos ausgefüllt von einer Gesellschaft, die das „Sehen und Gesehen werden“ zu einer eigenen Kunstform erhoben hat. Seit den Anfängen des Festivals im Jahr 1992 hat sich dieses Treffen zu einem weltweiten Unikat entwickelt. Nach den überstandenen Zwangspausen der Pandemiejahre knüpft das WGT nicht nur an alte Rekorde an, sondern schickt sich in diesem Jahr an, diese noch zu übertreffen.

Das Picknick selbst ist das pulsierende, friedliche Herzstück dieses ersten Festivaltages. Es beweist, dass die Schwarze Szene keineswegs nur düster ist, sondern auf ihre ganz eigene Weise farbenprächtig, extravagant und von einer tiefen kreativen Vielfalt geprägt.

Das Faszinierendste an diesem Nachmittag ist die schiere Liebe zum Detail. Die Mehrheit der opulenten Gewänder, der meterweiten Reifröcke, der filigranen Spitzenfächer und der Lederkonstruktionen im Steampunk-Stil ist in monatelanger Heimarbeit selbst entworfen und geschneidert worden. Hier traf viktorianischer Hofstaat auf postapokalyptische Ästhetik; Alter oder Herkunft spielten keine Rolle – die gemeinsame Leidenschaft für das Außergewöhnliche nivellierte jede Grenze.

Auf den ausgebreiteten Decken und kunstvoll verzierten Klapptischen wurde dekadent aufgetragen. Das Picknick-Buffet der Schwarzen Szene glich einem Stillleben aus dem 19. Jahrhundert: feinstes Gebäck auf Etageren, erlesene Pralinen, schwerer Rotwein aus stilechten Kelchen und hier und da der blaue Dunst einer edlen Zigarre. „Man gönnt sich ja sonst nichts“, schien das unausgesprochene Motto dieses genussvollen Nachmittags zu sein.

Für Fotografen bot sich ein beinahe überwältigendes Panorama. Es war schlicht unmöglich, jede Nuance, jedes handgestickte Korsett oder die Perfektion eines dramatischen Make-ups bildlich einzufangen. Und doch hielten tausende Kameras jene flüchtigen Momente fest, in denen die Moderne für ein paar Stunden komplett ausgeblendet wurde.

Das 33. WGT hat gerade erst begonnen, doch das Viktorianische Picknick hat bereits am ersten Tag gezeigt, warum Leipzig an diesem langen Pfingstwochenende der wohl faszinierendste Ort Europas ist. Es ist eine Feier der Individualität, eingebettet in die Kulisse eines idyllischen Stadtparks – ein Gesamtkunstwerk, das noch bis zum 25. Mai die Straßen der Stadt verzaubern wird.

www.wave-gotik-treffen.de
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www.hallelife.de/nachrichten/kunst-kultur/der-opulente-auftakt-des-33-wave-gotik-treffens/

Alle Fotos unter Facebook: Manfred Boide


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