Es sind die feinen Fäden der Geschichte, die manchmal erst nach Jahrzehnten ihr vollständiges Muster offenbaren. Unter dem Titel „Meine liebste Otte!“ widmet sich die Kunststiftung Sachsen-Anhalt in den kommenden Wochen einem der prägendsten Kapitel der modernen Textilkunst: Leben und Wirken von Benita Koch-Otte. Wie auf einer Pressekonferenz in Halle bekannt gegeben wurde, bereitet die Stiftung eine umfassende Sonderausstellung vor, die am 26. September 2026 feierlich ihre Pforten öffnet.
Die Schau, kuratorisch verantwortet von der Direktorin der Kunststiftung, Manon Bursian, steht im Zeichen eines doppelten historischen Meilensteins: Vor genau einem Jahrhundert übernahm Benita Koch-Otte die Leitung der Handweberei-Werkstatt an der traditionsreichen Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Im selben Jahr fand mit der Eröffnung des Bauhausgebäudes in Dessau ein architektonischer und ideeller Meilenstein der Moderne statt.
Benita Koch, am Bauhaus Weimar zur herausragenden Weberin ausgebildet, verstand es wie kaum eine zweite, die strenge Formensprache der Moderne in textile Ästhetik zu übersetzen. Ihr Wirken an der Burg Giebichenstein ab 1925 setzte Maßstäbe für das moderne Teppichdesign und die funktionale Stoffgestaltung.
Doch der Aufbruch fand ein jähes Ende. Im Jahr 1933 wurde die Gestalterin durch die nationalsozialistisch dominierten Körperschaften in Halle aus ihrem Amt gedrängt und entlassen. Ihre Haltung und ihr Schaffen brachen jedoch nicht: In den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel bei Bielefeld fand sie eine neue Wirkungsstätte, in der sie sich fortan der Arbeit mit Menschen mit und ohne Behinderung widmete – ein humaner und künstlerischer Brückenschlag, der bis heute nachwirkt.
Die kommende Ausstellung begreift sich nicht als reiner Rückblick, sondern sucht den Dialog. Zentraler Punkt ist die künstlerische Annäherung an Benita Koch-Otte, an ihre Originale – Wandbehänge, Teppichentwürfe, Fernstudien und ihre persönlichen Briefe.
Im Rahmen der Pressekonferenz wurden bereits wegweisende Arbeiten zeitgenössischer Textilkünstlerinnen, -künstler sowie Teppichdesigner vorgestellt, die Koch-Ottes Erbe in die Gegenwart übersetzen.
Ein besonderer Moment der heutigen Auftaktveranstaltung schlug die Brücke über Kontinente hinweg: Die aus Kathmandu angereiste Weberin Lobsang Dolma Dhakhwa war zu Gast in Halle und überreichte den Vertretern der anwesenden Presse traditionell eine weiße Khata – einen zeremoniellen Begrüßungs- und Glücksschal aus weißer Seide. Ein Zeichen des Respekts, das den globalen Geist des Handwerks beschwört, den auch Benita Koch-Otte zeitlebens vertrat.
Ausblick: Die Sonderausstellung „Meine liebste Otte!“ startet am 26. September 2026 um 15:00 Uhr mit einem vielschichtigen Rahmenprogramm und ist vom 26.09.2026 bis zum 06.12.2026 in der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, Neuwerk 11, 06108 Halle (Saale) zu sehen.
https://halle.de/
www.kunststiftung-sachsen-anhalt.de
www.hallelife.de/nachrichten/kunst-kultur/meine-liebe-otte/
Alle Fotos unter: Facebook Manfred Boide






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